17. Dezember – VERBUNDENHEIT

Nach dem Deutschunterricht im Notquartier bin ich immer hundemüde. Ich habe keine Ahnung von Pädagogik, aber es macht mir Spaß, mit verschiedenen Methoden zu experimentieren. Ich bereite mir Kärtchen mit Bildern von verschiedenen Tätigkeiten vor und wir reden darüber, wer welchen Beruf ergreifen möchte. Es ist eine lustige Diskussion, alles ist noch offen, es gibt noch keine abgelehnten Bewerbungsschreiben und schon gar keine abgelehnten Asylansuchen. Erschöpft aber zufrieden packe ich meine Sachen ein. Da kommt Yassir zu mir. Er ist Syrer, steht meist am Rand und beobachtet mehr als dass er richtig mittun würde. So hältst du das nicht lange durch, meint er in flüssigem Englisch. Was? Ich schaue ihn entgeistert an. Wie kommt er dazu mich zu kritisieren, denke ich im ersten Moment, was für ein unangebrachtes Benehmen. Gleichzeitig bin ich neugierig und frage nach, was er damit meint. So kommen wir ins Gespräch. Er war Englischlehrer in Syrien und erklärt mir seine Sichtweise, dass ich mich mit meiner Art zu unterrichten total verausgabe. Es wäre schon toll, meine Energie, mein Elan, aber wenn ich so weitermachte, würde ich vielleicht nicht allzu lange durchhalten, meint er.

Interessant, denke ich mir zu Hause, er fühlte sich gleich mit mir verbunden.

Weil wir voneinander lernen können

#WirHabenPlatz #KaraTepe #MutzurMenschlichkeit

 

16. Dezember – FILM

Said möchte Filmemacher werden. Er verdient manchmal ein wenig Geld beim Drehen und Schneiden von Filmen. Said hat einen Kurzfilm über den auf der Autobahn abgestellten Kühlwagen gedreht, in dem damals einundsiebzig Menschen starben. Er spielt ausschließlich in diesem Lastwagen. Ich habe ihn gesehen. Zwei Männer beginnen darin kurz vor ihrem Tod einen Streit. Said sagt, er musste diesen Film drehen, weil er sich die Geschichte so gut vorstellen kann. Er ist auch in einem Lastwagen geflüchtet.

Einmal lernt er in Österreich bei einer Gelegenheit einen bekannten Regisseur kennen und zeigt ihm den Film. Der Regisseur meint, er solle doch einen längeren Film daraus machen. Said wünscht sich danach so sehr einen eigenen Computer, um diesen Film zu drehen. Da finanziert ihm eine Bekannte den Computer, er zahlt ihn in Raten zurück. Es fühlte sich so richtig an, sagt sie zu mir. Jetzt arbeitet Said gemeinsam mit anderen in einem Team an dem Film.

Weil es um das eine Menschenleben und nicht um die Statistik geht

#WirHabenPlatz #KaraTepe #MutzurMenschlichkeit

 

 

15. Dezember – WERTE

Timo muss einen Wertekurs machen. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, erinnere ich ihn daran, er soll sich doch bitte anmelden, der Kurs ist einfach eine notwendige Voraussetzung dafür, dass er hier bleiben darf. Er soll sich von mir aus in den Kurs setzen und sich seinen Teil dabei denken. Jedes Mal wenn ich ihn daran erinnere ist Timo genervt. Was glauben die, fragt er mich, dass ich keine Werte habe? Dass ich von denen lernen muss, wie man sich benimmt? Glauben die, dass alle Syrer denken, dass man einer Frau nicht die Hand geben darf? Die, die das wirklich glauben, werden sich doch nicht in einem Tag ändern! Wir haben auch Werte! Er ist aufgebracht, ich komme kaum zum Argumentieren, was soll ich auch sagen? Sein monatliches Einkommen liegt unter tausend Euro. Bei jedem Bettler den wir sehen, bleibt er stehen und gibt ihm ein Geldstück – er hat es so gelernt.

Weil es unseren Werten entspricht

#WirHabenPlatz #KaraTepe #MutzurMenschlichkeit

 

14. Dezember – FAMILIE

Rabia ist 23 und hat schon viel erlebt. Sie wurde im Iran verheiratet und hat ein Kind von dem niemand weiß. Nach Österreich ist sie alleine gekommen, über ihre Flucht erzählt sie nicht viel. Ihre Familie ist in der Welt verstreut – da meldet sich eines Tages ihr Bruder. Er ist auf Lesbos gestrandet, sein Kind ist auf der Flucht ertrunken, er wohnt in einem notdürftig gebastelten Zelt und ist völlig verzweifelt. Das Leben im Camp ist entsetzlich. Rabia zögert nicht lange – Familie ist schließlich Familie. Nichts ist für sie jetzt wichtiger, als ihren Bruder zu sehen, mit ihm zu reden, ihn in die Arme zu nehmen und zu trösten. Sie erzählt alles Gabriele, die sie schon seit längerem betreut. Gemeinsam legen sie und ein paar andere Freundinnen zusammen, damit Rabia zu ihrem Bruder fahren und ihm auch ein wenig Geld für Essen und Trinken geben kann. Alleine macht sie sich auf den Weg, wieder einmal. Nach einer Woche kehrt sie zurück, überglücklich wieder in Österreich zu sein. Sie hat hier keine Eltern und keine Geschwister, aber trotzdem ein Zuhause gefunden.

Weil „wir können nicht alle retten“ nicht bedeutet, dass wir niemanden retten dürfen

#WirHabenPlatz #KaraTepe #MutzurMenschlichkeit

 

13. Dezember – ENTSCHEIDUNG

Seit zwei Stunden sitzt Masoud in dem kahlen Raum. Es riecht nach neuem Teppichboden. Der Tisch des Richters ist etwas erhöht ihm gegenüber. Immer wieder richtet er seine schwarze Robe zurecht und fährt sich durchs Haar. Er wirkt ein wenig genervt, manchmal auch traurig. Seit zwei Stunden unaufhörlich Fragen zu Masouds Situation in Afghanistan und seiner Flucht. Masouds Rechtsberaterin überreichte dem Richter am Beginn der Verhandlung ein paar Zettel, es sind Empfehlungsschreiben von verschiedenen Leuten, die bekräftigen, wie gut sich Ali in den letzten Jahren integriert hat. Es steht viel auf dem Spiel: Darf er bleiben – oder wird er abgeschoben. Zwischendurch blättert der Richter immer wieder in den Unterlagen. Bei einem Blatt bleibt er länger hängen. Es ist der handgeschriebene Brief eines Kindes.

Vier Monate später kommt der Bescheid. Der Richter hat entschieden, dass Masoud bleiben darf. Vielleicht hat das Schreiben des Kindes den Richter beeindruckt, denke ich mir.

Weil wir unseren Kindern ein Vorbild sind

#WirHabenPlatz #KaraTepe #MutzurMenschlichkeit

 

12. Dezember – CHANCEN

Mit vierzehn Jahren verdiente Samir in Aleppo Geld mit dem Anrauchen von Shishas. Mit fünfzehn musste er in den Libanon flüchten und bestritt seinen Lebensunterhalt mit dem Verkaufen von Süßigkeiten. Mit achtzehn kam er nach Österreich und machte bei einem Jugendtheaterprojekt am Theater an der Wien mit. Heute ist er dreiundzwanzig und darf auch in dieser Saison im Ensemble im Theater an der Josefstadt mitspielen. Seine nächste Premiere im Jänner ist ein Stück von Elfriede Jelinek. Nein, er spricht noch kein lupenreines Burgtheaterdeutsch und arbeitet konsequent an seinem Ä und Ö. Aber er hat Menschen gefunden, die an ihn glauben.

Weil es Menschen gibt, die andern eine Chance geben 

#WirHabenPlatz #KaraTepe #MutzurMenschlichkeit

11. Dezember – KINDER

2015 arbeitete meine Freundin als Notärztin. Sie kümmerte sich um einen älteren Mann aus Syrien, mit der Rettung fuhren sie ins Spital. Bald ging es ihm besser. Weil er kein Guthaben mehr hatte, borgte sie ihm ihr Handy, damit er seiner Familie Bescheid geben konnte, dass wieder alles in Ordnung war. Ein paar Tage später bekam meine Freundin einen Anruf. Ein fremder Mann war am Apparat. Er erklärte ihr, dass er ihre Nummer über einen Freund bekommen hatte, dem sie vor zwei Tagen geholfen hatte. Seine beiden Söhne wären gerade ziemlich verloren in Traiskirchen, ob sie vielleicht nach ihnen sehen könnte. Meine Freundin nahm Kontakt zu den beiden Buben auf. In Traiskirchen herrschte totales Chaos. Menschen schliefen in notdürftigen Zelten oder im Freien. Meine Freundin holte die beiden ab, unternahm Ausflüge mit ihnen nach Wien. Sie würden so gerne bei einer Familie wohnen, meinte der ältere. Meine Freundin ließ sich von den komplizierten administrativen Voraussetzungen nicht abschrecken und gab den beiden in ihrer Wohnung ein Zuhause.

Heute studiert Amir Pharmazie und Fuad hat letztes Jahr die Matura geschafft. Sie wohnen mit ihrer Familie in Wien.

Weil Kinder ein sicheres Zuhause brauchen

#WirHabenPlatz #KaraTepe

 

10. Dezember – VERLIEBT

Nuri treffe ich fast Tag in der Küche des Notquartiers an. Sie wird zum neuen Zuhause des jungen Afghanen, der fast seine gesamte Familie verloren hat. Mittags wird warmes Essen geliefert, zum Frühstück und zum Abendessen richten Geflüchtete und Freiwillige aus der Umgebung gemeinsam Brot, geschnittenes Gemüse und Aufstriche her. Nuri kennt sich bald besser aus als alle anderen. Souhila das hübsche afghanische Mädchen ist ebenfalls täglich in der Küche. Sie ist Analphabetin und geniert sich ein wenig im Deutschkurs. Nuri möchte ihr beim Gemüseschneiden helfen und nimmt ihr die schweren Platten ab. Souhila gefällt ihm, und ich nehme ihn deswegen ein wenig auf den Arm. Er leugnet es nicht. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er mit einem Mädchen seines Alters unbeschwert scherzen kann. Nuri blüht auf. Und Souhila mit ihm. Hier mitten im Chaos, wo man an einem Tag noch nicht weiß, was der nächste bringen wird.

Weil jeder Mensch ein Recht auf Leben und Lieben hat

#WirHabenPlatz #KaraTepe

9. Dezember – FREIHEIT

Ich lerne Katinka bei einem Kochprojekt kennen. Sie ist Tschetschenin, hat ein feines, hübsches Gesicht, und ich mochte sie von Beginn an. Ihr Mann wurde gefoltert und ist psychisch krank. Katinka ist diejenige, die die Familie zusammenhält. Als das Heim in dem sie wohnten, aufgelöst wird, findet sie mit ihrer Familie eine Wohnung in Wien. Katinka hat ihren Mann nie geliebt, er kümmerte sich nie um die Kinder. Sie findet ihr Leben und auch sich selbst langweilig, sie hat eine Ahnung, dass es da vielleicht noch etwas anderes im Leben geben könnte und überlegt sich scheiden zu lassen. Irgendwie träumt sie von einer romantischen Liebe und einem harmonischen Familienleben – es sind die Träume, die man ihr in ihrem Land als Frau zugestanden hatte. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie ein freier Mensch ist, sich frei entscheiden kann, aber ich merke, dass sie damit nicht viel anfangen kann. Sie kennt keine Freiheit. Ich muss mir etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht gehe ich einmal mit ihr in die Oper, oder ins Theater. Es wird Zeit brauchen, bis sie versteht, was ich meine.

Weil man manches nicht erklären kann, sondern spüren muss

#WirhabenPlatz #MutzurMenschlichkeit

8. Dezember – STRUKTUR

Ein Notquartier ist ein seltsamer Ort. Auf engstem Raum leben hier geflüchtete Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, wahllos zusammengewürfelt, als hätte der Wind des großen Universums sie aus Versehen hierher getragen. Im September 2015 wurde in einem ehemaligen Kloster in unserer Nachbarschaft ein solches Notquartier eingerichtet. Es liegt so nahe, dass ich es von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen kann. Ich bin neugierig, schaue vorbei und möchte mithelfen. Zum Betten überziehen habe ich aber keine Lust, und ich mag auch kein Geschirr abwaschen, viel lieber möchte ich mit den Menschen in Kontakt treten. Ich befestige Packpapier an einer Pinnwand und versuche ein paar Erwachsenen erste Brocken Deutsch beizubringen. Es ist laut, wir haben nur diesen einen großen Raum, Kinder schreien und streiten, manche wollen auf ihrem Handy Musik hören. Da taucht Anja plötzlich auf, eine junge Holländerin, sie schlägt mir vor, dass sie am Vormittag eine Kindergruppe macht, während ich etwas später die Erwachsenen unterrichte. Am nächsten Tag macht sie einen Plan, sortiert Spielzeug und bringt Struktur in den neuen Alltag der Menschen. Die Kinder laufen ihr schon entgegen, wenn sie den Raum betritt.

Weil Menschen immer wieder überraschen

#WirHabenPlatz #MutzurMenschlichkeit #KaraTepe