9. Dezember – FREIHEIT

Ich lerne Katinka bei einem Kochprojekt kennen. Sie ist Tschetschenin, hat ein feines, hübsches Gesicht, und ich mochte sie von Beginn an. Ihr Mann wurde gefoltert und ist psychisch krank. Katinka ist diejenige, die die Familie zusammenhält. Als das Heim in dem sie wohnten, aufgelöst wird, findet sie mit ihrer Familie eine Wohnung in Wien. Katinka hat ihren Mann nie geliebt, er kümmerte sich nie um die Kinder. Sie findet ihr Leben und auch sich selbst langweilig, sie hat eine Ahnung, dass es da vielleicht noch etwas anderes im Leben geben könnte und überlegt sich scheiden zu lassen. Irgendwie träumt sie von einer romantischen Liebe und einem harmonischen Familienleben – es sind die Träume, die man ihr in ihrem Land als Frau zugestanden hatte. Ich versuche ihr zu erklären, dass sie ein freier Mensch ist, sich frei entscheiden kann, aber ich merke, dass sie damit nicht viel anfangen kann. Sie kennt keine Freiheit. Ich muss mir etwas anderes einfallen lassen. Vielleicht gehe ich einmal mit ihr in die Oper, oder ins Theater. Es wird Zeit brauchen, bis sie versteht, was ich meine.

Weil man manches nicht erklären kann, sondern spüren muss

#WirhabenPlatz #MutzurMenschlichkeit

8. Dezember – STRUKTUR

Ein Notquartier ist ein seltsamer Ort. Auf engstem Raum leben hier geflüchtete Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen, wahllos zusammengewürfelt, als hätte der Wind des großen Universums sie aus Versehen hierher getragen. Im September 2015 wurde in einem ehemaligen Kloster in unserer Nachbarschaft ein solches Notquartier eingerichtet. Es liegt so nahe, dass ich es von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen kann. Ich bin neugierig, schaue vorbei und möchte mithelfen. Zum Betten überziehen habe ich aber keine Lust, und ich mag auch kein Geschirr abwaschen, viel lieber möchte ich mit den Menschen in Kontakt treten. Ich befestige Packpapier an einer Pinnwand und versuche ein paar Erwachsenen erste Brocken Deutsch beizubringen. Es ist laut, wir haben nur diesen einen großen Raum, Kinder schreien und streiten, manche wollen auf ihrem Handy Musik hören. Da taucht Anja plötzlich auf, eine junge Holländerin, sie schlägt mir vor, dass sie am Vormittag eine Kindergruppe macht, während ich etwas später die Erwachsenen unterrichte. Am nächsten Tag macht sie einen Plan, sortiert Spielzeug und bringt Struktur in den neuen Alltag der Menschen. Die Kinder laufen ihr schon entgegen, wenn sie den Raum betritt.

Weil Menschen immer wieder überraschen

#WirHabenPlatz #MutzurMenschlichkeit #KaraTepe

7. Dezember – WASSER

Eine Freundin ruft mich aus Nickelsdorf an. Ob ich nicht ein paar Leute aufnehmen könnte, nur über Nacht, fragt sie mich am Telefon, hier gäbe es einfach nicht genug Schlafplätze. Es ist schon sehr spät, als ich mit fünf fremden Menschen im Auto nach Hause komme. Irgendwie sehen sie finster aus, auch die Frau. Sie sprechen kein Wort, wollen sofort schlafen gehen und verbreiten einen fast beißenden Geruch im Wohnzimmer.

Am nächsten Tag fragen sie schüchtern, ob sie duschen dürften, und wir geben wir ihnen Handtücher und frische Kleidung. Später, am Vormittag, sitzen wir alle zusammen an unserem großen Tisch beim Essen. Wir haben verschiedene Speisen vom Türken geholt und prosten uns zu. Es sind plötzlich andere Menschen, wie verwandelt. Sie sehen uns offen ins Gesicht, lachen und plaudern in verschiedenen Sprachen. Es ist ein Fest.

Weil Zugang zu sauberem Wasser alles ändert

#WirHabenPlatz #KaraTepe

 

6. Dezember – Helfen

Samir und ich gehen im Wald spazieren. Ich will ihm ein wenig die Umgebung unserer Stadt zeigen. Der Weg ist voller Wurzeln und Steine. Da wird er auf einmal gesprächig, erinnert sich an seine Flucht und beginnt aufgeregt zu erzählen: Dass es genau so ausgesehen hat, und dass sie eine Gruppe von Menschen waren, mitten in der Nacht, im Wald. Er hat keinen gekannt, es waren Männer, Frauen und auch kleine Kinder, denen man oft ein Beruhigungsmittel gegeben hat, damit sie leise sind und schlafen. Ein älterer Mann mit einem kleinen Mädchen war auch dabei. Es ist steil bergauf gegangen. Der alte Mann hat gekeucht, das schlafende Kind war einfach zu schwer für ihn. Da hat Samir ihm geholfen und es getragen. 

Weil wir uns auch in schwierigen Situationen gegenseitig helfen #WirHabenPlatz #KaraTepe

 

5. Dezember – Frauen

Ich stehe müde am Bahnhof Wien Mitte. Es war ein anstrengender Tag. Alle haben mich irgendwie genervt. Da sehe ich Shakila. Irgendwie habe ich überhaupt keine Lust mich mit jemandem zu unterhalten. Aber Shakila hat mich auch schon entdeckt und kommt auf mich zu. Sie strahlt. Ich kenne sie eigentlich nicht besonders gut, aber in jeder whatsapp Nachricht nennt sie mich Süße oder Schatzi. In Afghanistan sollte sie verheiratet werden, hier möchte Sie gerne Biochemie studieren. Auf ihre Frage, wie es mir geht sage ich nur, dass ich müde und ausgelaugt bin. Da packt sie schnell ihren Lippenstift aus und malt mir trotz meiner Proteste die Lippen knallrot an. Weil doch der erste Frühlingstag ist, meint sie lachend!

Weil dich diese Frauen mit ihrer Lebenslust aus deiner Alltagskrise retten #WirHabenPlatz #Moria #MutzurMenschlichkeit

4. Dezember – Schifahren

Farid hatte ich einmal beigebracht, wie man einen Erlagschein ausfüllt. Jetzt treffe ich ihn zufällig wieder in der Wohnung eines Freundes. Ich frage ihn, was er so macht und ob er einen Job hat. Er lacht und zeigt mir Fotos auf seinem Handy: Farid mit einer Gruppe von Jugendlichen beim Kanufahren, Farid beim Bogenschießen, Farid als Kinderbetreuer in einem Feriencamp. Ich nicke anerkennend. Das Beste kommt noch, sagt er und klickt auf ein Video: Farid wie er im Pflug auf Skiern eine Piste hinuntergleitet, dahinter vier Kinder, die ihm nachfahren. Jetzt staune ich wirklich und schmunzle. Irgendwie bin ich auch ein wenig stolz ihn persönlich zu kennen, den ersten afghanischen Schilehrer in Österreich.

Weil Menschen immer wieder überraschen können #WirHabenPlatz #KaraTepe 

 

3. Dezember – Freundschaften

Als Connect Mödling im September 2015 gegründet wurde, wussten wir nicht, wie viele Menschen zum Kick-off Meeting ins Mautswirtshaus kommen würden, vielleicht nur zehn, zwanzig? Sicher, die Aufmerksamkeit der Medien hatten wir auf unserer Seite. Eine Frau verteilte Folder in Geschäften, ihr Freund konzipierte die Website, alle sagten es weiter. Ich lebte mit meinem Mann und meinen Kindern seit über zehn Jahren in Mödling, wir waren neu zugezogen. Gespannt wartete ich im Veranstaltungsraum. Menschen strömten herein, es wurden immer mehr. Zusätzliche Stühle mussten geholt werden. Wir waren über hundert, ich kannte keinen, jetzt sind viele meine Freunde und Freundinnen geworden.

Weil wir viele sind, die helfen wollen #WirHabenPlatz #KaraTepe

2. Dezember – Spielen

Auf einem schmalen Schottergelände zwischen Autobahn und Bundesstraße wird ein Camp aus Containern für geflüchtete Menschen errichtet. Es gibt keine Busstation und keinen Supermarkt, keine Deutschkurse und keine Freizeitmöglichkeiten. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln lässt sich das Gelände nur schwer erreichen. Freiwillige aus der nächsten Stadt lassen sich nicht abbringen, die Menschen zu besuchen. Mein Vater ist einer von ihnen, er ist vierundachtzig, bringt Spielkarten und setzt sich zu ihnen an einen Tisch. Menschen aus Afghanistan, dem Iran und Syrien lernen Schnapsen und Canasta.

Weil es egal ist, wie alt du bist #courage #WirHabenPlatz #KaraTepe

1. Dezember – Gestern

Jeanette kommt zu mir, ich kenne sie nicht. Sie will sich nur kurz etwas abholen, aber dann kommt sie doch herein und erzählt. Ihr Sohn ist ein Schulfreund von Ahmed, jetzt ist seine afghanische Familie gekommen. Wochenlang sucht sie eine Wohnung in der Umgebung. Immer wieder bekommt sie fadenscheinige Absagen. Da trifft sie eine Entscheidung: Sie hat eine Firma und in den letzten Jahren einiges Geld gespart. Sie kauft selbst für die Familie eine Wohnung und vermietet sie günstig. Mir verschlägt es die Sprache, sie wirkt so unauffällig, eine Frau Mitten im Leben, Ende vierzig.

Weil es solche Menschen gibt #MutzurMenschlichkeit #WirHabenPlatz

 

24 Begegnungen, die mich bereichert haben – Ein besonderer Adventkalender für eine besondere Zeit

24 Begegnungen, die mich bereichert haben

24 Geschichten, die mich bewegt haben

24 Gründe, warum wir finden, dass wir Menschen aus den griechischen Lagern bei uns aufnehmen müssen

Am 1. Dezember startet unser Adventkalender.

Jeden Tag findet ihr auf facebook und hier auf unserer Website eine kleine Geschichte, die unser Herz berührt hat, die Freude macht, und die wir daher mit euch teilen wollen.

Sagt es weiter, denn wir sind viele #MutzurMenschlichkeit #Courage #moria