7. Dezember – WASSER

Eine Freundin ruft mich aus Nickelsdorf an. Ob ich nicht ein paar Leute aufnehmen könnte, nur über Nacht, fragt sie mich am Telefon, hier gäbe es einfach nicht genug Schlafplätze. Es ist schon sehr spät, als ich mit fünf fremden Menschen im Auto nach Hause komme. Irgendwie sehen sie finster aus, auch die Frau. Sie sprechen kein Wort, wollen sofort schlafen gehen und verbreiten einen fast beißenden Geruch im Wohnzimmer.

Am nächsten Tag fragen sie schüchtern, ob sie duschen dürften, und wir geben wir ihnen Handtücher und frische Kleidung. Später, am Vormittag, sitzen wir alle zusammen an unserem großen Tisch beim Essen. Wir haben verschiedene Speisen vom Türken geholt und prosten uns zu. Es sind plötzlich andere Menschen, wie verwandelt. Sie sehen uns offen ins Gesicht, lachen und plaudern in verschiedenen Sprachen. Es ist ein Fest.

Weil Zugang zu sauberem Wasser alles ändert

#WirHabenPlatz #KaraTepe

 

6. Dezember – Helfen

Samir und ich gehen im Wald spazieren. Ich will ihm ein wenig die Umgebung unserer Stadt zeigen. Der Weg ist voller Wurzeln und Steine. Da wird er auf einmal gesprächig, erinnert sich an seine Flucht und beginnt aufgeregt zu erzählen: Dass es genau so ausgesehen hat, und dass sie eine Gruppe von Menschen waren, mitten in der Nacht, im Wald. Er hat keinen gekannt, es waren Männer, Frauen und auch kleine Kinder, denen man oft ein Beruhigungsmittel gegeben hat, damit sie leise sind und schlafen. Ein älterer Mann mit einem kleinen Mädchen war auch dabei. Es ist steil bergauf gegangen. Der alte Mann hat gekeucht, das schlafende Kind war einfach zu schwer für ihn. Da hat Samir ihm geholfen und es getragen. 

Weil wir uns auch in schwierigen Situationen gegenseitig helfen #WirHabenPlatz #KaraTepe

 

5. Dezember – Frauen

Ich stehe müde am Bahnhof Wien Mitte. Es war ein anstrengender Tag. Alle haben mich irgendwie genervt. Da sehe ich Shakila. Irgendwie habe ich überhaupt keine Lust mich mit jemandem zu unterhalten. Aber Shakila hat mich auch schon entdeckt und kommt auf mich zu. Sie strahlt. Ich kenne sie eigentlich nicht besonders gut, aber in jeder whatsapp Nachricht nennt sie mich Süße oder Schatzi. In Afghanistan sollte sie verheiratet werden, hier möchte Sie gerne Biochemie studieren. Auf ihre Frage, wie es mir geht sage ich nur, dass ich müde und ausgelaugt bin. Da packt sie schnell ihren Lippenstift aus und malt mir trotz meiner Proteste die Lippen knallrot an. Weil doch der erste Frühlingstag ist, meint sie lachend!

Weil dich diese Frauen mit ihrer Lebenslust aus deiner Alltagskrise retten #WirHabenPlatz #Moria #MutzurMenschlichkeit

4. Dezember – Schifahren

Farid hatte ich einmal beigebracht, wie man einen Erlagschein ausfüllt. Jetzt treffe ich ihn zufällig wieder in der Wohnung eines Freundes. Ich frage ihn, was er so macht und ob er einen Job hat. Er lacht und zeigt mir Fotos auf seinem Handy: Farid mit einer Gruppe von Jugendlichen beim Kanufahren, Farid beim Bogenschießen, Farid als Kinderbetreuer in einem Feriencamp. Ich nicke anerkennend. Das Beste kommt noch, sagt er und klickt auf ein Video: Farid wie er im Pflug auf Skiern eine Piste hinuntergleitet, dahinter vier Kinder, die ihm nachfahren. Jetzt staune ich wirklich und schmunzle. Irgendwie bin ich auch ein wenig stolz ihn persönlich zu kennen, den ersten afghanischen Schilehrer in Österreich.

Weil Menschen immer wieder überraschen können #WirHabenPlatz #KaraTepe 

 

3. Dezember – Freundschaften

Als Connect Mödling im September 2015 gegründet wurde, wussten wir nicht, wie viele Menschen zum Kick-off Meeting ins Mautswirtshaus kommen würden, vielleicht nur zehn, zwanzig? Sicher, die Aufmerksamkeit der Medien hatten wir auf unserer Seite. Eine Frau verteilte Folder in Geschäften, ihr Freund konzipierte die Website, alle sagten es weiter. Ich lebte mit meinem Mann und meinen Kindern seit über zehn Jahren in Mödling, wir waren neu zugezogen. Gespannt wartete ich im Veranstaltungsraum. Menschen strömten herein, es wurden immer mehr. Zusätzliche Stühle mussten geholt werden. Wir waren über hundert, ich kannte keinen, jetzt sind viele meine Freunde und Freundinnen geworden.

Weil wir viele sind, die helfen wollen #WirHabenPlatz #KaraTepe

2. Dezember – Spielen

Auf einem schmalen Schottergelände zwischen Autobahn und Bundesstraße wird ein Camp aus Containern für geflüchtete Menschen errichtet. Es gibt keine Busstation und keinen Supermarkt, keine Deutschkurse und keine Freizeitmöglichkeiten. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln lässt sich das Gelände nur schwer erreichen. Freiwillige aus der nächsten Stadt lassen sich nicht abbringen, die Menschen zu besuchen. Mein Vater ist einer von ihnen, er ist vierundachtzig, bringt Spielkarten und setzt sich zu ihnen an einen Tisch. Menschen aus Afghanistan, dem Iran und Syrien lernen Schnapsen und Canasta.

Weil es egal ist, wie alt du bist #courage #WirHabenPlatz #KaraTepe

1. Dezember – Gestern

Jeanette kommt zu mir, ich kenne sie nicht. Sie will sich nur kurz etwas abholen, aber dann kommt sie doch herein und erzählt. Ihr Sohn ist ein Schulfreund von Ahmed, jetzt ist seine afghanische Familie gekommen. Wochenlang sucht sie eine Wohnung in der Umgebung. Immer wieder bekommt sie fadenscheinige Absagen. Da trifft sie eine Entscheidung: Sie hat eine Firma und in den letzten Jahren einiges Geld gespart. Sie kauft selbst für die Familie eine Wohnung und vermietet sie günstig. Mir verschlägt es die Sprache, sie wirkt so unauffällig, eine Frau Mitten im Leben, Ende vierzig.

Weil es solche Menschen gibt #MutzurMenschlichkeit #WirHabenPlatz

 

24 Begegnungen, die mich bereichert haben – Ein besonderer Adventkalender für eine besondere Zeit

24 Begegnungen, die mich bereichert haben

24 Geschichten, die mich bewegt haben

24 Gründe, warum wir finden, dass wir Menschen aus den griechischen Lagern bei uns aufnehmen müssen

Am 1. Dezember startet unser Adventkalender.

Jeden Tag findet ihr auf facebook und hier auf unserer Website eine kleine Geschichte, die unser Herz berührt hat, die Freude macht, und die wir daher mit euch teilen wollen.

Sagt es weiter, denn wir sind viele #MutzurMenschlichkeit #Courage #moria

„Wir haben Platz!“ Kundgebung für die Aufnahme von Menschen aus Moria am 7. 11. 2020 in Mödling

Zahlreiche Mödlingerinnen und Mödlinger kamen am Samstag zur Kundgebung der Initative „Zusammenhalt NÖ“. Symbolisch für die Menschen, die wir aus Moria aufnehmen können, standen Schuhe am Schrannenplatz. Unsere Vereinsvorsitzende, Veronika Haschka, fand in ihrer Rede eindringliche Worte.

Fünf Gründe warum ich der Meinung bin, dass wir unbedingt Menschen aus Moria aufnehmen müssen:


  1. Weil ich es in meinem innersten Herzen fühle.

Ich weiß für mich, dass ich dieses Unrecht nicht richtig finde. Ich lasse mich nicht verunsichern durch Sätze wie „das wäre ja ein Pull-Faktor, dann würden noch mehr kommen“ oder „wir haben schon so viele aufgenommen“. Das prallt an mir ab. In meinem Herzen fühle ich es ganz deutlich, es ist einfach richtig, diese Menschen aufzunehmen, die in Griechenland, zwei Flugstunden von uns entfernt in Europa, im Schlamm hausen, in der Kälte in Zelten schlafen müssen, kein Trinkwasser, zu wenig zu essen und keine medizinische Versorgung haben, wo Kinder nicht in die Schule gehen können, nicht Kind sein können – es fühlt sich einfach richtig an, diese Menschen, die in Europa gestrandet sind, aufzunehmen und einen Teil von ihnen auch nach Österreich zu bringen, wo wir all das in ausreichender Menge haben.


  1. Weil wir genug Raum haben:

Raum zum Wohnen. Raum zum Leben. Quartiere und Wohnungen stehen leer – auch hier in NÖ, im Bezirk Mödling, im Quartier in der Jägerhausgasse kamen bis vor kurzem mehr als 100 Menschen unter, in St. Gabriel steht ein Gebäude leer. Natürlich haben wir genug Wohnraum!


  1. Weil es genug Menschen bei uns gibt, die diese geflüchteten Männer, Frauen und Kinder begleiten.

Wir haben schon bewiesen, dass wir das können und dass wir das nachhaltig tun. Connect Mödling ist vor fünf Jahren gegründet worden, wir haben Menschen begleitet und begleiten sie nach wie vor – wir bleiben an ihrer Seite, schon fünf Jahre lang. Wir gehen mit ihnen zum Arzt, wir unterstützen sie bei Behördenwegen, helfen bei der Arbeitssuche und vielem mehr. – An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die dies tun.


  1. Weil es meinen Werten entspricht

 – und es entspricht ja auch den Werten der Europäischen Union und Österreichs, zumindest jenen, die wir proklamieren. Die Werte, die ich meine, das sind unter anderem: Menschenrechte, Menschenwürde, Humanität, das ist das, woran ich glaube und was ich leben möchte. Die Europäische Union hat vor einigen Jahren den Friedensnobelpreis bekommen – ich glaube, sie ist es nur wert ihn bekommen zu haben, wenn sie jetzt nach ihren Werten handelt. Aber wie auch immer andere Politiker in der Europäischen Union oder in Österreich denken mögen – meine Werte sind unvereinbar damit, dass Menschen in Moria dahinvegetieren, dass sie in der Europäischen Union so sehr leiden müssen.


  1. Weil ich glaube, dass wir am besten lernen, wenn wir mit Menschen in Kontakt gehen.

Ich habe in St. Gabriel und in Mödling geflüchtete Burschen und Familien kennengelernt, und durch den direkten Kontakt mit ihnen konnte ich Dinge kapieren, die ich vorher nicht verstanden habe. Es ist etwas anderes, wenn du in der Zeitung oder im Internet liest, dass Menschen zu wenig zu essen haben und verfolgt werden – als wenn du eine Beziehung zu jemandem hast, der dir von Angesicht zu Angesicht erzählt, wie es ist, im Krieg zu leben. Ich habe durch den direkten Kontakt besser verstanden, dass es ein und dieselbe Welt ist, auf der wir gemeinsam wohnen, wenn mir z.B. der Bursche, den ich betreue, erzählt: „In den ersten Tagen, in St. Gabriel, da bin ich öfters in der Nacht duschen gegangen, ich habe so lange kein heißes Wasser gehabt, es ist so unglaublich für mich jetzt hier duschen zu können.“
In Wirklichkeit sind wir durch die Globalisierung zusammen gewachsen – durch die Bilder im Internet, die Kleider, die Produkte, die wir kaufen, und vieles mehr. Wenn ich aber einem Menschen gegenübersitze, dann kann ich mich „seinen Lebenswelten besser annähern“ – wie es Barbara Kreuzer von Connect Mödling ausgedrückt hat: Für uns sind Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak zu Freunden, Nachbarn und Mitbürgern geworden, die wir wertschätzen. Diese Länder sind für uns nicht mehr „weit weg“ – wir sind zusammengerückt.

 

Das sind die 5 Gründe, warum ich überzeugt bin, dass wir Menschen aus Moria aufnehmen müssen. Ich bin überzeugt, die Mehrheit in Österreich denkt ähnlich. Ich danke euch für euer Kommen – und wenn einige von euch denken, wir sind nicht so viele, dann sage ich: Wenn wir 50 sind in einer Kleinstadt wie Mödling, dann ist es in Wirklichkeit so, wie wenn in Wien 5.000 Menschen zusammenkommen – in Relation zur Einwohnerzahl. Viele mussten heute zuhause geblieben aufgrund von Corona.

Ich wünsche allen, auch wenn die Partei, die ihr wählt vielleicht anders denkt oder in eurem Bekanntenkreis Menschen anders denken, dass ihr auf euer Herz hören könnt.

Danke!

 

Wir machen Herbstferien! Das Vereinslokal in der Hauptstraße 10 bleibt am 23. und 30.10. geschlossen.

Wir sind wieder ab 6. November für euch da. Die aktuellen Angebote findet ihr immer auf der Website. Wir wünschen euch allen schöne Herbstferien. Passt auf euch auf und bleibt gesund!

Das Team von Connect Mödling